100 Jahre elektrische „Tramwaj" in Sankt Peterburg
Das gegenwärtige
- Stand 23. April 2009 - Tramwaj-Netz Sankt-Petersburg weiter unten !
Sankt-Petersburg, die Kulturhauptstadt Russlands, mit offiziell fünf Millionen
(tatsächlich weit mehr) Einwohnern, die zweitgrößte Stadt der Russischen
Föderation und nördlichste Millionenstadt der Welt, und die Stadt mit dem
derzeit – noch – größten Straßenbahnbetrieb der Welt, feierte am 29. und
30. September 2007 das 100-jährige Jubiläum der Inbetriebnahme der
elektrischen „Tramwaj".
Auf dieses Ereignis wurde bereits seit Monaten mittels Folien auf den
Tramwajwagen, Citylight-Plakaten und mit Transparenten über den Straßen
hingewiesen.

Überall in der Stadt wurde mittels Transparente über den Straßen auf
das Jubiläum hingewiesen. Hier auf der Strecke zur Leutnant Schmidt-Brücke,
welche in den letzten Jahren großzügig saniert und jetzt aufgelassen wurde.
(Foto: Helmut Portele)

Auch auf Citylight-Plakaten wurde das 100 Jahr Jubiläum
beworben. Hier auf dem berühmten Nevskij Prospekt neben dem „Roten Palais".
(Foto: Helmut Portele)

Und selbstverständlich waren auch viele Straßenbahnwagen
mit dem Ereignis dekoriert. Ein Zug der Linie 23 mit einem Wagen der Type
LM-99 No.7204 vor dem Finnischen Bahnhof. (Foto: Helmut Portele)
Bereits ab dem Jahre 1863 gab es einen regelmäßigen
Pferdetramwaybetrieb in Sankt Petersburg. Ab dem Jahre 1882, nach
Tests im Jahre 1881 mit einer Dampftramwaylok der Firma Krauss & Comp auf
der Lesnaja-Linie, nahm die Dampftramway auf der Nevskaja-Vorortestrecke
ihren Betrieb auf.
Nach umfangreichen Umbauten der Strecken war es am 29. September 1907
endlich so weit und der elektrische Betrieb wurde feierlich
eröffnet.

Der Tramwajverkehr im Jahre 1908 auf der Blagoveščenskij
Uferstraße mit Blick auf die Blagoveščenskij
Brücke und auf die Isaak Kathedrale. Heute findet man weit und breit
kein Tramwajgleis mehr.
Eine Besonderheit in der St. Petersburger Tramway-Geschichte war die
Eis-Tramway, welche bereits im Winter 1895/96 auf der
zugefrorenen Neva verkehrte und von der „Finnischen Gesellschaft für
Schifffahrt Ltd" betrieben wurde, um so ihre winterliche Zwangspause von
mindestens fünf Monaten zu umgehen. Die Gleise und Masten wurden im Eis
eingefroren und so umging man auch das Privileg der Pferdebahngesellschaft
auf alleinigen Betrieb auf den Straßen Sankt Petersburgs. Die Bahn hatte die
Spurweite von 1000 mm und verwendete umgebaute, von der Firma Podobedov
elektrisch ausgerüstete Pferdebahnwagen. Betrieben wurden vier Linien von
der südlichen Neva Seite zur Vasilevskij-Insel und zur Petrograder Seite.

Die Jubiläums-Fahrzeugparade auf dem Srednij Prospekt am
29.9.2007 bestand aus zwölf Zügen. Als erster Zug fuhr der 1028 der ersten
elektrischen Triebwagentype „Brush" Baujahr 1907, welcher einen offenen
Güterwagen mit einer Musikkapelle schob. Danach folgte der Motorwagen
No.1877 Type MS-1 Baujahr 1927 und der Motorwagen No.2135 Type MS-4 Baujahr
1929. Alle Fernsehstationen berichteten über dieses Ereignis. Die Parade
wurde fortgesetzt mit dem zweiachsigen Motorwagen Type MS-4 No.2424 mit
Beiwagen Type MSP-3 No.2384 Baujahr 1930. Dahinter der erste vierachsige Zug
mit Motorwagen Type LM-33 No.4275 und Beiwagen LP-33 No.4454 „Amerikanka",
konstruiert und gebaut 1933 in Leningrad. Danach der vierachsige Motorwagen
Type LM-48 No.3521 mit Beiwagen Type LP-48 No.3584 Baujahr 1948, Motorwagen
Type LM-49 No.3691 + Beiwagen LP-49 No.3990 „Slon", Motorwagen LM-57 No.5148
„Stiljaga", Type LM-68 No.6249 „Akvarium", dann der achtachsige Gelenkwagen
Type LVS-89 No.3076, der aktuelle vierachsige Großraumwagen Type LM-99AV
No.0526 und den Abschluss bildete der neue sechsachsige
Niederflurgelenkwagen Type LVS-2005 No.8334. (Foto:
Helmut Portele)

Die Festlichkeiten „100 Jahre Sankt Peterburger Tramwaj" begannen
am Samstag, den
29. September 2007 um 11 Uhr am Beginn des Srednij Prospekts, dem
„Mittleren Prospekt", auf der Vasilevskij-Insel, mit einer
Wagenparade, die die Entwicklung der elektrischen „Tramwaj" in
Sankt-Peterburg von 1907 bis in die Gegenwart zeigte und zur historischen
Remise №.2 „Leonov-Tramwaj-Park" am
Srednij Prospekt 77 führte.
Dort fanden die offiziellen Feierlichkeiten mit der Enthüllung einer
Rekonstruktion der ersten Motorwagentype „Brush" durch die
Gouverneurin von Sankt Petersburg, Valtentina Matvienko einen weiteren
Höhepunkt und endeten mit einer großen Feier, bei der verdiente Mitarbeiter
der „Gorelektrotrans", der städtischen Betreibergesellschaft des
Tramwaj- und Trollejbus-Netzes, geehrt wurden.(Fotos:
Portele)

Der rekonstruierte erste Motorwagentyp „Brush" No.1031 Baujahr 1907 als
Denkmal im Hof des Tramwaj-Museums, welcher durch die Sankt Petersburger
Gouverneurin Valentina Matvienko der Bevölkerung übergeben wurde.
(Foto: Helmut Portele)
Diese Straßenbahnremise, in Russland „Tramwaj Park" genannt, № 2 war
die erste Remise des elektrischen Betriebs Sankt Petersburg. Sie wurde
im Zuge der Rationalisierung am 15. Jänner 2007 als normaler
Betriebsbahnhof aufgelassen und ist jetzt nur mehr der Standort des
Sankt Petersburger Tramwaj-Museums, offiziell „Muzej Električeskogo
Transporta Sankt-Peterburga" (Museum des elektrischen Transports in
Sankt-Petersburg) genannt. Sie beherbergt nun die historischen
Tramwaj- und Trollejbus-Fahrzeuge.
War der erste Tag der Festlichkeiten hauptsächlich der Belegschaft der „Gorelektrotrans"
gewidmet, so wurden am Sonntag, 30. September 2007 alle St.
Petersburger eingeladen, an einer allgemein zugänglichen Sonderfahrt der
gesamten Tramwaj-Parade teilzunehmen.

Am 30. September 2007 war die große Parade durch
die Stadt an der die Sankt Petersburger Bevölkerung teilnehmen konnte. Die Tramwajparade „Vom Brush
zum Niederflurgelenkzug" am 30.9.2007 vor der Sonderfahrt durch die Stadt,
bei der alle Petersburger zur Mitfahrt eingeladen waren, am Vorkopf des
Museums im Tramwaj-Park No.2 am Srednij Prospekt
77. (Foto: Helmut Portele)

Die Tramwayparade bei der Haltestelle
„Metro Gor’kovskaja". Der erste Wagen No.1028 war für die Betriebsleitung
der „Gorelektrotrans" reserviert. (Foto: Helmut Portele)
Für diejenigen, welche Sankt Petersburg kennen: Der Festzug führte vom
Museum im „Tramwaj-Park № 2" am Srednij
Prospekt 77, durch die Stadt über die Metrostation „Gor’kovskaja",
auf der derzeit stillgelegten Strecke über die Troickij-Brücke, vorbei am
Marsfeld über die Sadovaja ulica (Straße), die Hauptgeschäftsstraße Nevskij
Prospekt querend, neben dem Großkaufhaus „Gostinyj dvor" über den „Sannaja
ploščad" (Platz) bis zum „Ploščad
Turgeneva", wo die Endstation war, gewendet wurde
und wieder auf der selben
Strecke zurück ins Museum.

Blick aus dem Wagen No.1877 auf den führenden Triebwagen
in der Sadovaja ulica. Bemerkenswert das nach außen zu öffnende
Stirnwandfenster. Rechts ist das größte Kaufhaus Petersburg, das „Gostinyj
dvor", 1761 bis 1785 am Nevskij Prospekt erbaut. Hier gibt es (fast) alles
zu kaufen. (Foto: Helmut Portele)

Der im Jahre
1933 gebaute vierachsige Zug mit Motorwagen Type LM-33 No.4275 und Beiwagen
LP-33 No.4454 „Amerikanka", konstruiert und gebaut in Leningrad und danach
der vierachsige Motorwagen Type LM-48 No.3521 mit Beiwagen Type LP-48
No.3584 Baujahr 1948 „Slon", bereits nach Rückkunft von
der Jubiläumsfahrt vor dem Tramwaj-Museum, dem Tramwaj-Park No.2. (Foto:
Helmut Portele)

Der vierachsige Motorwagen Type LM-48 No.3521 mit Beiwagen Type LP-48
No.3584 Baujahr 1948 „Slon". Die ersten Züge haben bereits die rund um den
Park führende Gleisschleife passiert und stehen in der Gegenrichtung zur
Rückfahrt bereit. (Foto: Helmut Portele)

Bei der Endstation „Ploščad Turgeneva" folgt
der Motorwagen Type LM-49 No.3691
mit dem Beiwagen LP-49 No.3990 „Slon".
Der 1877 hat bereits die Schleife durchfahren und ist nun zur Rückfahrt
bereit. (Foto: Helmut Portele)

Die Type LM-68, von der in Jahren 1968 bis 1975
insgesamt 400 Stück
gebaut wurden, waren in dieser Version wegen seiner schrägen Dachfenster „Akvarium" genannt, mit
seinen gepolsterten Sitzen einer der bequemsten und
schönsten der modernen Leningrader
Straßenbahnwagen. Leider sind alle vom Betrieb ausgeschieden.
(Foto: Helmut Portele)
Das
Sankt-Petersburger Tramwaj-Museum
Wie überall in der Welt stand auch
St. Petersburg - damals Leningrad - das Streben nach einem modernen Betrieb
im Vordergrund. Daher war das Bewahren von alten Tramwajwagen zweitrangig.
Erst Ende der 80er-Jahre konnte man
einige Fahrzeuge hinterstellen und eine kleine Gruppe von
Tramwaj-Enthusiasten begannen diese aufzuarbeiten.
Es gab zwar schon die Rekonstruktion (Replik) des ersten elektrischen
Tramwajwagen Typ "Brush" No. 1028 aus dem Jahre 1907, weitere Fahrzeuge
wurden zwar nicht verschrottet, aber doch nicht vorrangig aufgearbeitet.
Erst das bevorstehende
90-Jahr-Jubiläum der ersten elektrischen Tramwaj im Jahre 1997
brachte weitere Aktivitäten mit Hilfe der Tramwaj-Historiker. Es wurden eine
ganze Reihe von historischen Wagen rekonstruiert, welche die
Entwicklungsgeschichte der Sankt-Peterburger Tramwaj zeigten.
Nach der erfolgreichen Jubiläumsfeier im September 1997 wollte man
die restaurierten Fahrzeuge nicht einfach abgestellt lassen und
veranstaltete ab dieser Zeit Tramwaj-Sonderfahrten mit den
aufgearbeiteten historischen Wagen, wie sie in Wien bereits seit 1966
erfolgreich durchgeführt wurden. Diese als „Retro-Linie 0“
bezeichneten Tramwaj-Sonderfahrten, erfreuen sich steigender Beliebtheit
und es werden verschiedene Routen durch die Stadt angeboten und auch
spezielle Fahrten für Touristen vom Hotel durch die Stadt.

Ein Teil der Ausstellungshalle des Sankt-Peterburger
Tramwaj-Museums mit den Wagen Nummer 2424, 5148, 3691 und 4275 und die
im Betriebsgebäude befindliche umfangreiche Ausstellung mit Fotos,
Dokumenten und Modellen. (Fotos: Helmut Portele)
Der besonders große Erfolg des
100-Jahr-Jubiläums der elektrischen Tramwaj am 29. und 30. September 2007
beflügelte selbstverständlich die ehrenamtlichen Mitarbeiter des
Tramway-Museums, welche vom städtischen Unternehmen für den
Tramwaj- und Trolleybus-Betrieb "Gorelekrotrans" großzügig unterstützt
wurden.

Die denkmalgeschützten Hallen des "Tramwaj-Parks No.2" aus dem Jahre 1907
in dem sich das Museum für den elektrischen Stadtverkehr - Tramwaj und
Trollejbus - befindet. Eine Übersichtstafel über die Entwicklung des
Tramwajverkehrs in Sankt-Petersburg (Petrograd - Leningrad) am Vorkopf des
Museums. (Fotos: Helmut Portele)
Das Museum, welches den
elektrischen Stadtverkehr, also Tramwaj und Trollejbus, dokumentiert,
beherbergt auch den historische Trollejbus
ЯТБ-1
und weitere
historische Trollejbusse
(МТБ-82Д
mit Anhänger
und den Trolleybus
ЗИУ-5).

In der Werkstätte des Museums sieht man die Rekonstruktionen aus einem
Wagengerippe bis zum neu aufgebaute historischen Tramwajwagen und im
Hintergrund den Trollejbus
ЯТБ-1
(Bild links).
Ein Teil der Mitarbeiter des Museums bei der Heimfahrt nach der
Jubiläumsveranstaltung standesgemäß im Gelenktriebwagen Nr. 3472 der Linie 6,
welche vom Museum in die Stadt führt (Bild rechts). (Fotos: Helmut Portele)
So hoffen alle Beteiligten auf eine
erfolgreiche Zukunft des Museums im Tramwaj-Park No.2 und ihrer
Tramwaj-Sonderfahrten mit der "Retro-Linie 0" auf einem hoffentlich nicht mehr schrumpfenden Tramwaj-Netz Sankt-Petersburgs.
Gegenwart und Zukunft der Sankt-Peterburger Tramwaj
Obwohl die Sankt Petersburger Gouverneurin Valentina Matvienko bei
ihrer Festansprache im Tramwaymuseum die Wichtigkeit des Straßenbahnverkehrs
und dessen Zukunftssicherheit betonte und die Festlichkeiten den Eindruck
einer heilen „Tramwaj-Welt" in St. Petersburg vermittelten, sieht die
Realität leider anders aus.
Das Streckennetz mit der russischen Spurweite von 1524 mm (Normalspur
1435 mm), was auch den Übergang von Vollbahnfahrzeugen ermöglicht,
betrug im Jahre 1986 noch 1022 km mit 2180 Wagen, derzeit nur mehr
594,8 km mit 1043 Wagen und es nimmt weiter ab.
Auf dem Netzplan sieht man das umfangreiche Streckennetz, wobei die
eingestellten Strecken strichliert markiert sind. Nur in den
Außenbezirken sind die auf eigenen Bahnkörper verlegten Straßenbahnstrecken
unumstritten.

Die Entwicklung des Sankt Petersburger Tramwaj-Netz
mit allen Eröffnungen und Still-Legungen. (Stand 2007)
Zum
Vergrößern klicken !
Man versucht die Stadt autogerechter zu machen, da täglich zu den
Stoßzeiten der Straßenverkehr zusammenbricht, weil jeder, der es sich
leisten kann mit dem Auto fährt, obwohl er ein Vielfaches der Zeit gegenüber
der Metro braucht. Man hat leider nicht aus den Fehlern der 50er- bis
70er-Jahre Westeuropas gelernt und das Auto ist das
Status-Symbol für den „modernen" St. Petersburger.
So weicht die Vernunft in Gestalt eines gut funktionierenden
Straßenbahn-Netzes immer mehr dem „Zeitgeist": Im April 1997 wurde der
Betrieb auf der Admiraltejskaja, der ältesten Straßenbahnstrecke
eingestellt.

Ein Stück Straßenbahngleis, im Gehsteig eingebaut, erinnert an die erste
elektrifizierte Tramwaj-Strecke auf der Admiraltejskaja.
(Foto: Helmut Portele)
Seither gibt es keine Gleise mehr über die Dvorcovyj-
(Schloss-Brücke) und Birževoj-Brücke und damit keine
Straßenbahn mehr zum Schlossplatz, zur Erimetage und zur Isaak-Kathedrale,
einer der wichtigsten Sehenwürdigkeiten Sankt Petersburgs.
Auch die Trasse vom Suvorovskaja Ploščad
(Platz) von der Troickij-Brücke zum Konjušennaja Ploščad
bei der berühmten Christus Auferstehungskirche wurde ein Opfer der
Straßeninstandsetzung und des Autoverkehrs.
Die wegen des Neubaus der Leutnant Schmidt-Brücke über die Neva
unterbrochene Strecke von der Sadovaja ulica vorbei an der blauen St.
Nikolaus Kathedrale über den Theater Platz mit dem Mariinskij- (Kirov)
Opern- und Ballettheater und des Musikkonservatoriums über die
Vasilevskij-Insel auf die beliebte Freizeitinsel Krestovskij, wurde,
obwohl die ursprünglichen Pläne mit Straßenbahn waren, ohne Gleise am 20.
August 2007 unter dem historischen Namen Blagoveščenskij-Brücke
wiedereröffnet.

Bis zur neu gebauten Leutnant Schmidt-Brücke -
jetzt wieder Blagoveščenskij-Brücke
genannt - ist die Straßenbahnstrecke mit Haltestelleninseln und
Fußgängerunterführungen modern ausgebaut und jetzt eingestellt worden. Die
Brücke einen Tag vor der Eröffnung.
Die großzügig ausgebaute Strecke zur neuen
Blagoveščenskij-Brücke,
welche nun im "Nichts" endet und endgültig eingestellt wurde. Die
Haltestelle vor der Brücke am Ploščad
Truda, ist mit eigenen Bahnsteigen mit unterirdischen Fußgängerzugängen
ausgestattet. (Foto: Helmut Portele)
Die Strecken vor und nach der Brücke wurden vorher großzügig Instand
gesetzt und werden nun entfernt. Ein „Experte" hat die
Stadtverwaltung davon überzeugt, dass die Straßenbahn schuld am schlechten
Zustand der alten Brücke war und nun zwei weitere Spuren dem Autoverkehr zur
Verfügung stehen. Nun hat die Brücke acht Spuren zu je 3,5 Meter Breite
nur für den Autoverkehr.
Die Strecken auf der Krestovskij-Insel hatten einen eigenen
Bahnkörper und störten offensichtlich nur manche Autofahrer,
welche nach Wegfall der Strecke hoffen weitere Parkplätze bei den teuren
Ausflugslokalen und Sporteinrichtungen zu gewinnen.

Die eingestellte Strecke auf der
Krestovsij-Insel, welche einmal mehreren Linien diente, ist nur mehr
Autoparkplatz. (Foto: Helmut Portele)
Mit der Sanierung der Straßen in der Innenstadt wurden immer mehr
Linien und Strecken eingestellt.
So gibt es derzeit weder auf der Sadovaja ulica, noch auf dem auf
der anderen Seite der Fontanka parallel verlaufenden Lintejnij Prospekt
einen Straßenbahnverkehr, obwohl beide Straßen erst vor einigen Jahren
komplett mit den Straßenbahngleise erneuert wurden.
Auch auf dem Staro Petergofskij Prospekt auf der Strecke zum
Narva-Triumpfbogen gibt es derzeit keinen Tramwaybetrieb, obwohl die
Strecke total saniert wurde.
Im Oktober 2007 wurde der Lingovskij
Prospekt von Grund auf neu gebaut und die Straßenbahn (vorher auf
eigenem Bahnkörper zwischen zwei Baumreihen) wird nach dem Neubau knapp
vor dem wichtigen Moskauer Bahnhof, aber zu weit um diesen zu Fuß zu
erreichen, in Nebengassen abgelenkt.

Am Lingovskij Prospekt wurde die Tramwaj einige
hundert Meter vor dem Moskauer Bahnhof in eine Seitengasse abgelenkt. Das
helle Gebäude im Hintergrund ist der Bahnhof. Hier
während des Umbaus der Strecke im Oktober 2007. (Foto:
Helmut Portele)
Damit hat ein weiterer Sankt Petersburger Bahnhof, nach dem Baltischen
Bahnhof, dessen Straßenbahnstrecke im Jahr 2006 eingestellt wurde,
keinen Straßenbahnanschluss mehr.
Es ist zu hoffen, dass doch die Vernunft siegt und die noch liegenden,
derzeit nur außer Betrieb genommenen Strecken, wieder in Betrieb genommen
werden.
Wichtig wäre es, der größten Konkurrenz, den privaten „Marschrutkis",
Linientaxis, welche mit Kleinbussen, aber auch mit normalen, manchmal
sogar Gelenkbussen, auf festgelegten Linien, meist parallel zur
Straßenbahn, fahren, aber keine festen Haltestellen haben und bei
denen man nach Bedarf ein- und aussteigen kann, entgegen zu treten. Die
Stadtduma (Gemeinderat) sollte einmal die Vergabe der Lizenzen für diese
kommerziellen Busse überdenken.

Noch immer eine der meist eingesetzten
Tramwaj-Typen in Petersburg: der Type LVS-86 in seinen verschiedenen
Varianten. Hier als Linie 1 in der Endstation "Ploščad
Staček" bei der Metrostation "Narvskaja" beim
Narva-Triumpfbogen. Heute ist die Strecke, welche von vielen Linien
verwendet wurde - zuletzt Linien 41A (2006), 11, 29 (2005), 3, 11, 28
(2004), 1, 11 (2003), 11, 31 (2002) - leider nicht
befahren, aber betriebsbereit. (Foto: Helmut Portele)

Die Straßenbahnhaltestelle auf dem Staro Petergofskij Prospekt wird,
nachdem der Linienverkehr eingestellt wurde, nun von den so genannten „Marschrutkis"
verwendet. Auf der Verkehrstafel, die auf den Haltestellenbereich hinweist,
ist bereits (illegal) die Linienbezeichnung der privaten „Routetaxis" K-169
angebracht. Im Bild sind gleich fünf Routetaxis zu
sehen. (Foto: Helmut Portele)
Und man muss vernünftige Intervalle auf der Straßenbahn anbieten
und nicht, wie in den letzten Jahren, mit dem Aufkommen der Konkurrenz und
dem Rückgang der Fahrgastzahlen, die Intervalle manchmal bis zu 50 Minuten
ausdehnen. Denn wenn man spätestens alle zehn Minuten ein „Marschrutki" zur
Verfügung hat, wartet man sicher nicht auf die doch bequemere Straßenbahn.
Auch das Fehlen einer veröffentlichten gültigen Linienübersicht des Straßenbahnbetriebs
bei allen Haltestellen erschwert das Benützen der Tramway. Weiters sollte
die Kennzeichnung der Tramway-Haltestellen mit der Linienbezeichnung,
Fahrtziel und Fahrplan neu geregelt werden, so wie es in letzter Zeit bei den
städtischen Autobuslinien geschehen ist.
Bisher werden die Haltestellen nur von Ortskundigen am Querdraht der
Fahrleitung gefunden und kaum von Touristen. Außerdem muss man gute Augen
haben, um die Linienbezeichnung und das Intervall zu erspähen.

Die am Fahrleitungsquerdraht angebrachten
Haltestellentafeln zeigen die Haltestellenbezeichnung am oberen Rand (ul.
Rašetova), neben dem roten T für Tramwaj, die dort haltenden Linien (9, 20,
21) und unterhalb der Linienbezeichnung das jeweilige Intervall (Linie 9:
20, Linie 20: 35 und Linie 21: 32 Minuten).
(Foto: Helmut Portele)
Das hat sich zwar inzwischen geändert
und werden bereits Haltestellentafeln mit den Linien und den
ersten und letzten Zügen und der Intervalle der jeweiligen Linien
ähnlich den Autobustafeln angebracht, das Ziel der Linie ist aber nach wie
vor nicht veröffentlicht.

Die neuen Haltestellentafeln (zusätzlich zu den
Oberleitungstaferln) für die Linien 6 und 40. Oben die
Haltestellenbezeichnung (12-13 liniii V.O.), die Betriebszeit und die
jeweiligen Intervalle bei regulärem Betrieb. (Foto: Helmut Portele)
Ursprünglich waren die mit einem K für „Kommerziell" vor der
Liniennummer bezeichneten „Marschrutkis"
wesentlich teurer als die Tramway, die zur Zeit der
Aufnahme im Oktober 2007 doch 14 Rubel kostete
. Die Tarif war seit
1. April 2008 (kein Aprilscherz) 17 Rubel und seit Jänner 2009
kostet die Einzelfahrt auf der Tramwaj 18 Rubel (1 Euro =
ca. 43 Rubel - Stand von Juni 2009).

Ein Großraumbus als "Marschrutki" Linie K-187 vor
der Metrostation Vasileostrovskaja, welche als Fahrpreis 10 Rubel verlangen.
Die Tramwaj kostet inzwischen 18 Rubel (Stand 2009). (Foto: Helmut Portele)
Nun fahren viele dieser Privatbusse aber weit unter diesem Preis
und so kann man bereits um 10 Rubel mit einem Privatbus, der auf
derselben Strecke wie die Straßenbahn fährt, aber mit kurzen Intervallen,
befördert werden.

Die Tramwajlinie 40 mit einem Intervall von 50
Minuten wird kaum ihre Fahrgäste finden. Früher war dies Linie gut
frequentiert. (Foto: Helmut Portele)

Das derzeitige Sankt-Peterburger
Tramwaj-Netz
Stand per 23. April 2009
Zum
Vergrößern klicken !
So ist das Ende der Tramway in der Innenstadt fast vorprogrammiert und
wenn nicht bald sich die Einstellung der Planer ändert, Petersburgs
Tramwaynetz wird bald vom größten zu einem der kleinsten Tramwaynetze der
Welt werden.

Der moderne vierachsige
Großraumwagen Type LM-99AV ist die neueste derzeit gebaute Adaption der Type
LM-99. (Foto: Helmut Portele)

Der neue Niederflurgelenkwagen Type LVS-2005 von der
hinteren Plattform aus gesehen. Er wurde, wie fast alle Petersburger
Straßenbahnwagen in der eigenen Hauptwerkstätte und Wagonfabrik konstruiert
und gefertigt. Im Investitionsplan bis 2015 sind 150 bis 300 Wagen dieses
Typs vorgesehen. (Foto: Helmut Portele)

Die Serienausführung der neuen
Niederflur-Gelenkzüge Type LVS-2006 im Betrieb auf der Tramwajlinie 25 nach
Kupčina. Inzwischen sind 25 Züge ausgeliefert. Der Prototyp LVS-2005 Nummer
8334 wurde in 1101 umnummeriert. (Fotos: Helmut Portele)

Der Prototyp LVS-2005 Nummer 1101 ex 8334 in der
Endstation Kupčina auf der Linie 25. (Foto:
Helmut Portele)
Doch wir sind optimistisch, da ja parallel an Schnellstraßenbahnlinien in
Süden der Stadt geplant wird, 150 bis 300 Tramwaj-Niederflurzüge
gebaut werden sollen und in der Innenstadt der Autoverkehr die Umwelt und
damit das angenehme Sankt Petersburger Leben zerstört.
Das lässt an eine Renaissance der Tramwaj in der Innenstadt
von Sankt Petersburg hoffen.
